Die Neujahrswäscheaufhängphobie.

Jeder Mensch sammelt sich ja so im Laufe seines Lebens die ein oder andere Phobie zusammen und hortet diese dann sorgsam tief in seinem Innersten, um sie bei passender Gelegenheit dann rechtzeitig zücken zu können und sie stolz der Welt präsentieren zu können. Da bin ich natürlich nicht anders! Ich erinnere nur beispielsweise an den vermeintlichen und noch nicht stattgehabten Tod Fidel Castros, an dem ich mir persönlich jetzt bereits schon die Schuld gebe. Das nagt tief und inständig an meiner kleinen, geschundenen Seele! Glaubt mir nur keiner, ist aber so. :)
Eine weitere höchstpersönliche Phobie möchte ich, aus gegebenem Anlass, nun heute noch preisgeben: Die Neujahrswäscheaufhängphobie nämlich.
Vor gut 20 Jahren wohnte ich mit dem Vater vom Sohn – ohmeingott, “vor gut 20 Jahren” hört sich ja jetzt auch auch schon wieder ewig uralt an. Also:
Früher lebten der Sohn, sein Vater und ich in einer Mietswohnung im schönen Hofheim am Taunus. In diesem Mietshaus gab es eine sogenannten gemeinschaftlichen Wäschekeller, in dem alle Mietsparteien ihre Wäsche zum Trocknen aufhängen konnten. Was ich auch tat. So auch an irgendeinem 31. Dezember mal. Da stand plötzlich Hartwig mitten im Keller. Himmel, bin ich erschrocken damals – ich glaube Hartwig kam einfach vom Wäschekellerhimmel heruntergefahren und stand mitten im Raum und guckte mich über ein blaues Bettlaken hinweg mit riesengross aufgerissenen Augen komplett erschüttert an. Auf jeden Fall ist Hartwig nicht durch die Tür in den Wäschekeller gekommen, das hätte ich sehen müssen. Achso, ja – Hartwig war der Nachbar schräg unter uns. Sehr nett! Sehr unkompliziert. Ich mochte Hartwig. Bis zu jenem sagenumwobenem 31.Dezember jedenfalls. Danach fand ich Hartwig irgendwie komisch. Das lag nicht an Hartwig selbst, sondern eher daran, dass ich alle Menschen, die mich, aus dem Nichts kommenden, über blaue Bettlaken hinweg anstarren und zu Tode erschrecken! Naja, egal.
Auf jeden Fall erklärte Hartwig mir, 10 Zentimeter vor meinem Gesicht stehend, nur durch das Bettlaken getrennt quasi, dass man AUF GAR KEINEN FALL an einem 31. Dezember nasse Wäsche aufhängen dürfe, weil sich die bösen Geister des vergangenen Jahres dann nämlich in der nassen Wäsche verstecken und man sie mit in’s neue Jahr hinübernimmt, wo sie dann fröhlich aus der dann getrockneten Wäsche herausspringen und ihr fürchterliches Unwesen mit doppelter Kraft weitertreiben! Ob ich das etwa nicht wisse? Nein, wusste ich nicht – aber ich muss gestehen, dass mich diese Erläuterung derart beeindruckt hatte, dass ich direkt die nasse Wäsche wieder abhing, in den Wäschekorb stopfte, zurück in die Wohnung ging und den Korb dem sehr erstaunt guckenden Vater vom Sohn in die Hand drückte, mit der Bitte, dass er sich drum kümmert, weil ich jetzt für immer Angst habe.
Seitdem achte ich tunlichst bei anstehenden Wohnungsanmietungen darauf, dass sich in der neu anzumietenden Wohnung auf gar keinen Fall ein gemeinschaftlicher Wäschekeller befindet.



